• Beitrags-Kategorie:Aktuelles

Es reicht!

.Literaturbetrieb und Aufmerksamkeitskampf

– eine Positionsbestimmung –

Seit langem wird uns viel erzählt: Es gäbe wichtige und noch wichtigere Literaturpreise, es gäbe bedeutende und bedeutendste Literatur und – das spricht keiner so direkt aus, bleibt aber die mitgedachte Konsequenz – unbedeutende. Und vor allem gäbe es große Schriftsteller und demzufolge auch kleine. Pardon, ich habe nicht gegendert!

Es wird uns viel erzählt. Der renommierteste deutschsprachige Preis für Literatur sei der Ingeborg-Bachmann-Preis. Mein Verdacht ist, dass sich die Autorin seit Jahrzehnten im Grab herumdreht angesichts dessen, was in ihrem Namen veranstaltet wird.

Birgit Vanderbeke (1956-2021) führte uns das Wesen dieses Preises deutlich vor Augen: Sie verfolgte die Jurydiskussionen genau, sagte sich als studierte Germanistin: Das kann ich auch!, setzte sich hin und schrieb ihren ersten literarischen  Text, die Erzählung Das Muschelessen. Vanderbeke hatte erkannt, worauf es allein ankam: auf formale Brillanz. Aus Sicht der Tochter schildert die Autorin in diesem Büchlein eine Familiensituation, die durch einen dogmatischen, despotischen Vater geprägt ist, der selbst in Abwesenheit noch alle Anderen (Mutter, Sohn, Tochter) zu terrorisieren vermag. Die Ich-Erzählerin reiht eine Erfahrung des Ausgeliefertseins an den Vater an die andere, dabei bleiben die Figuren flach und eindimensional, Handlung gibt es so gut wie keine, aber Vanderbeke spielt virtuos auf der Klaviatur der Form, indem der ganze Text aus kunstvollen Konjunktivkonstruktionen besteht – und damit trägt die Autorin 1990 den Bachmann–Preis nach Hause.

Dann folgte die Rezeption des Muschelessens: Obwohl die Autorin das Wenige, das es an Handlung gibt, eindeutig in der BRD der 1960er Jahre verortet, wurde die Figur des Vaters als Inbegriff der STASI (Geheimdienst der DDR) gedeutet, als Verkörperung ihrer manipulativen Methoden. Gewichtige Rezensenten und Kritiker redeten dies mühelos herbei, denn schließlich stammte Vanderbekes Familie ja aus der DDR. Diese verließ das Land zwar, als die Schriftstellerin erst 4 Jahre alt war, aber wen focht so ein unwichtiges Detail schon an? STASI war der Feind- und Kampfbegriff der Zeit, also musste er auch überall identifiziert werden. Noch knappe zwei Jahrzehnte später versuchten Lehrerweiterbildner diese Perspektive den Ostlehrern überzuhelfen, als Das Muschelessen zur Pflichtlektüre im beruflichen Gymnasium wurde, was ihnen jedoch erhebliche Blessuren eintrug.

Rezensenten, Feuilletons, ein ganzes PR-System sorgte und sorgt dafür, dass die richtigen Themen und die geeigneten Schriftsteller bekannt wurden und werden. Letzteres bekam immer größeres Gewicht, denn der Fokus verschob sich zunehmend vom Werk auf den Verfasser, eine gnadenlose Personalisierung setzte ein. Und diese erforderte perfekte Inszenierung! Schriftsteller mit dem gewichtigen Jahrhundertschritt der eigenen Bedeutung, gehüllt in vornehmes Schwarz (gern mit dem Akzent des roten oder weißen Schals), dazu (besonders in der Lyrikbranche) androgyne junge Frauen, rührend nachlässig gekleidet, mit leicht abwesendem Blick. All das nutzte sich leider viel zu schnell ab, Neues musste her, die Zeit der Fräuleinwunder begann. Junge Frauen, die, was für ein Wunder!, interessante, lesenswerte Bücher schrieben, Prosa noch dazu! – man hätte Aufschreie erwarten können angesichts solcher offensichtlichen Frauenfeindlichkeit, aber im dressierten Literaturbetrieb blieben sie selbstverständlich aus. Eine der betroffenen Autorinnen berichtete mir Jahre später, dass sie erst, seit sie die 40 überschritten hätte, von Veranstaltern und Veranstalterinnen (!) nicht mehr als Fräuleinwunder angekündigt würde.

Und dazu natürlich die richtigen, die politisch gewollten Themen: Bücher über junge Protagonisten, die orientierungs- und bindungslos in der Welt herumjetteten, sollten die Globalisierung in den Hirnen verankern; die Abmessung der Welt wurde gefeiert, denn nur eine rationale Aneignung derselben durfte es geben; die Aufwertung des Kriminalromans war wichtig, damit niemand mehr sich selbst auf den Weg machte, sondern vom Buch- oder Fernsehsessel aus scheinbare Spannung erlebte … und das Urteil von Damen und Herren, die ein Buch rezensierten, gewann im allgemeinen Aufmerksamkeitskampf immer größere Bedeutung.

Die Literaturkritikerin und Autorin Elke Schmitter bekannte 2000, als sie mit ihrem Roman Frau Sartoris im Erich Kästner Museum Dresden zu Gast war, sie habe erst durch die Arbeit am eigenen Buch erfahren, dass selbst bei sorgfältigster Prüfung Fehler passieren können, das habe sie nachsichtiger und auch demütiger werden lassen. Vorher habe sie sich in ihren Kritiken auf jede Unstimmigkeit gestürzt und sofort das Verdikt Schlampig gemacht! verhängt. Ihr Beispiel zeigt, dass Literaturkritik offensichtlich dazu dient, entweder niederzuschreiben oder in den Himmel zu heben. Letzteres ist allerdings noch wichtiger als ersteres, denn der Literaturbetrieb braucht keine eigenständigen, sich ihrer selbst bewussten Leser, die ihre eigenen Urteile fällen, er braucht Bewunderer, die ehrfurchtsvoll in die Knie gehen, wenn ein großer Autor den Raum betritt. Der Leser muss im Glauben gehalten werden, dass er von Literatur keine Ahnung habe, außerdem hat es letztlich keine Bedeutung, ob er ein Buch wirklich liest, er soll es nur kaufen und in die Schrankwand stellen, das reicht. Das gesamte System produziert zusätzlich eine bestimmte Art von Menschenverachtung, was deutlich wird, wenn sich die Jury des Bachmann-Preises nicht entblödet, angesichts der diesjährigen Preisverleihung an Lena Schätte von Unterschichtenliteratur zu reden. Und noch ein Detail, das nach all dem Gesagten zwar fast banal erscheint, aber genauso erhellend ist: Klaus Kastberger zieht sich nach zwölf Jahren als Juror zurück, nach zwölf Jahren! Welche Jury hat kein routierendes Prinzip, um immer wieder wechselnde Perspektiven, Erfahrungen und Geschmäcker in eine Auswahl oder gar Dotierung zu bringen? Die Jury des Bachmann-Preises, denn hier gilt: einmal kompetent, immer kompetent!

Und: Quantität schlägt Qualität. Gut ist nur, was sich massenhaft verkauft, was mindestens ein Bestseller ist. Das, was dadurch in Wahrheit passiert, ist die massenhafte Vernichtung von Differenzen, von Vielfalt. Ein Begriff wie Regionalliteratur soll dazu dienen, Bücher von vornherein kleinzureden, weil sie eben angeblich nur eine regionale, keine überregionale Bedeutung hätten (Ausgeblendet wird dabei, dass jeder Text zunächst einmal Regionalliteratur ist, indem er sich aus einer bestimmten Orts- und Zeitgebundenheit speist). Wer legt Bedeutung fest und nach welchen Kriterien? Die bereits erwähnten Heerscharen des Feuilletons, der Literaturkritik, der PR-Stellen. Oder mit den Worten des Schriftstellers Utz Rachowski: Literatur wird gemacht. Das Dresdner Beispiel Uwe Tellkamp illustriert dies: Warum wurde sein Roman Der Turm in alle Höhen geschrieben? Weil er darin ein bürgerliches Milieu im Widerstand zum offiziellen DDR-System schildert, das genau ins Weltbild des Westens passte, also wurde er zu dem DDR-Roman stilisiert. Dass dieses Milieu in keiner Weise repräsentativ für die vielen Erfahrungswelten innerhalb der DDR-Gesellschaft sein konnte und schon in Dresden-Trachau oder Südvorstadt ganz anders aussehen mochte, von anderen Orten, Städten und Regionen ganz zu schweigen, interessierte niemanden.

Noch einmal: Quantität schlägt Qualität. Die Leipziger Buchmesse feiert sich stets dafür, noch mehr Besucher gehabt zu haben als im Vorjahr. Dass diese Messe mittlerweile zu einem schreienden Event geworden ist, bei dem man selbst auf der Toilette von grellen Plakaten belästigt wird, die den aktuellen Krimi von X anpreisen, und bei dem es fast unmöglich scheint, ruhige Inseln des Austauschs zu finden, auf denen es tatsächlich um ein Buch und nicht um Inszenierung geht, ist selbstverständlich irrelevant.

Es reicht!

Was kann ich als Schriftstellerin tun, wenn ich in diesem strategischen Ego-Theater nicht mitspielen will? Das, was es auch auf vielen anderen gesellschaftlichen Ebenen braucht: sich auf das Eigene besinnen, tätig sein im Wissen um und Glauben an den ureigenen Weg. An die Kraft, die darin liegt.

2016 erfand ich meine Poesie-Tankstelle, mit ihr (das heißt, mit meinem Fahrrad und entsprechendem Schild sowie einer Mappe mit Gedichten von 13 zeitgenössischen Kollegen im Gepäck) reiste ich über Land und brachte Poesie dorthin, wo sie meiner Ansicht nach hingehört: in den Alltag. Ich stellte mich auf Marktplätze, in Parks oder an den Straßenrand und sprach die Vorbeigehenden an: Haben Sie Lust auf ein Gedicht? Ließ sich jemand auf dieses unerwartete Angebot ein, bekam er oder sie ein Gedicht rezitiert. Abgesehen davon, dass es Poesie immer guttut, wenn sie gesprochen und nicht nur im stillen Kämmerlein für sich gelesen wird, entstand auf diese Weise ein intensiver Erlebnisraum vom Ich zum Du, in dem sich die jeweiligen Verse entfalten konnten. Ich bin mit meiner Poesie-Tankstelle durch Mitteldeutschland und durch die Schweiz gereist, später nach Nordrhein-Westfalen und Hessen, momentan arbeite ich mit ihr in Dresden, und stets ist die Erfahrung diegleiche: eine tiefe Berührung in mir und im Gegenüber, eine lyrische Aufladung, wenn man so will. Denn der Andere ist nicht einfach nur ein Konsument, der Zauber entsteht, weil sich in einem völlig unvorbereiteten Augenblick zwei Menschen auf die Situation und auf das jeweilige Gedicht aktiv einlassen.

In meinem ersten Roman Garbald in Dresden (2017) schilderte ich u.a. das fiktive Schicksal eines Lehrers  von 1920 bis ca. 1960. Mein wichtigstes Anliegen dabei war, verstehen und nachfühlen zu wollen, wie ein Einzelner, ein Mann zumal, der traumatisiert aus dem I. Weltkrieg heimkehrte, sich in den jeweiligen Umständen zurechtzufinden versuchte: in den Weimarer Jahren, in der Nazizeit, im Nachkrieg, in der DDR. Das, was ich durch diese intensive Beschäftigung (und Recherche) zu erzählen vermochte, führte nach der Premiere des Romans zu einem Heilungsprozess, den ich bis in die Urgroßelterngeneration hinein spüren konnte, denn ich bewertete meinen Protagonisten nicht, sondern ich beschrieb einen Menschen in seiner Zeit, der wie jeder Mensch Gutes tut, Schuld auf sich lädt, blind ist und sehend, der ganz rational sein kann und dann wieder gläubig, dem seine Familie das Wichtigste ist und seine Arbeit.

Seit 2020 führe ich literarische Spaziergänge in Dresden durch, indem ich Wege in der Stadt suche, zu denen ich beziehungsreiche Texte lesen kann. Die Grundsituation ist hier diegleiche wie bei der Poesie-Tankstelle: Dieses Format erfordert von den Teilnehmern, dass sie aktiv sind, sie hören Literatur an ausgewählten Orten, während des gemeinsamen Gehens kommen sie mit anderen Teilnehmern (die sie meist nicht kennen) ins Gespräch, sie geben eigene Impulse in die Gruppe – eine tiefreichende Erfahrung, die keiner, der sie erlebt hat, wieder vergisst. Nicht nur einmal haben mir Teilnehmer gesagt, dass sie zu normalen (Wasserglas-) Lesungen nicht gehen würden, aber ein Spaziergang sei etwas ganz Anderes. Ich bin überzeugt davon, dass die Motivation genau darin liegt: sie haben kein Interesse daran, Konsumenten zu sein, sie wollen Literatur aktiv erfahren.

Meine erste Poesie-Tankstellen-Reise durch die Schweiz 2017 begann in Bern. Noch war ich dabei, aufzubauen, die Mappe herauszunehmen, das Klingelkistchen zu positionieren, da sprach mich eine junge Familie mit etwa 5jährigem Sohn an. Die Frau fragte, was Poesie-Tankstelle bedeute, der Mann wünschte sich ein Gedicht. Wir gingen in die Hocke, um mit dem Jungen auf Augenhöhe zu sein, ich rezitierte Das Wort Mensch von Johannes Bobrowski, das Teil meines auswendigen Repertoires war, alle Drei sahen mich wach und aufmerksam an. Als wir uns wieder aufgerichtet hatten, sagte die junge Mutter mit Blick auf ihren Sohn: Viel wird er davon nicht mitbekommen haben. Der Vater fiel ihr ins Wort und meinte: Aber ein Gedicht hat Rhythmus, hat Klang, und das hat er gehört!

Dieser junge Mann in Bern hatte offensichtlich mehr literarischen Sachverstand als alle möglichen Jurys dieser Welt.

Uta Hauthal, August 2026